Internetseite über die Universität Greifswald in der NS-Zeit aktualisiert

Die Universität Greifswald stand in der Zeit des Nationalsozialismus vor der Herausforderung, sich den Gegebenheiten der Diktatur anzupassen. Im Verlauf dieses Transformationsprozesses entwickelte sich die Universität zu einer Institution, die nationalsozialistische Ideologie lehrte, in die Rüstungsforschung eingebunden war und sich an nationalsozialistischem Unrecht beteiligte. Sie wurde, wie Pommerns Gauleiter und Oberpräsident Franz Schwede-Coburg damals konstatierte, zu einem "wertvollen Instrument" des NS-Regimes.

Hauptgebäude der Universität unter der Hakenkreuzfahne 1937, im Hintergund der Dom St. Nikolai. Foto: Universitätsarchiv Greifswald.

Bereits zu Beginn des Forschungsprojektes lagen zahlreiche Forschungsarbeiten und Dokumente vor, die die Verstrickung von Universitätsangehörigen in das nationalsozialistische Herrschaftssytem und seine Verbrechen belegten. Durch die systematische Forschung konnten nun weiter Lücken in dem Gesamtbild von der Universität in der Zeit zwischen 1933 und 1945 geschlossen werden.

Es muss unter anderem festgestellt werden, dass in dieser Zeit kein Mitglied des Lehrkörpers Widerstand gegen das Regime geleistet hat. Vernehmbar abweichende Meinungen zur nationalsozialistischen Ideologie veröffentlichten nur der Diabetologe Gerhardt Katsch (1887–1961) und der Theologe Otto Haendler (1890–1981).
Die Entwicklung der Universität zu einer vollständig angepassten Institution vollzog sich nicht immer aus eigenem Antrieb. Die personelle Umgestaltung wurde wesentlich vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vorangetrieben. Die Ausrichtung der Forschungsinhalte an die Erfordernisse der nationalsozialistischen Ideologie und ihre Einordnung in die Rüstungsforschung betrieben die Professoren jedoch selbst.

Rede des Reichsministers für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung, Bernhard Rust, in der Greifswalder Aula, 1938. Foto: Universitätsarchiv Greifswald.

Die Universitätsgeschichte zwischen 1933 und 1945 lässt sich in drei Phasen gliedern, deren Übergänge fließend waren. So zog sich die Gleichschaltungsperiode, die von der Entfernung missliebiger Dozenten und zahlreichen Denunziationen geprägt war, bis 1938 hin. Die Phase der Selbstprofilierung im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, begann bei einigen Wissenschaftlern, schon vor 1933. Ihre eigentliche Dynamik entfaltete sie jedoch mit dem Übergang des NS-Regimes zur Autarkiepolitik 1936. Dieses Jahr markiert auch die Hinwendung des NS-Regimes zur kriegsnotwendigen Ressource Wissenschaft. Es folgte die dritte Phase, die des Wissenschaftseinsatzes für den Krieg.

Viele offenen Fragen gab es zu Beginn des Forschungsprojektes zu den kriegsrelevanten Forschungsprojekten der Universität. Die für die historischen Recherchen herangezogenen Archivalien konnten nicht in jedem Einzelfall Auskünfte zu den Forschungen der Greifswalder Wissenschaftler liefern. Da ihnen 1945 die Besetzung durch die Rote Armee drohte, vernichteten viele Institutsdirektoren gerade die Akten der Jahre nach 1943. Insgesamt konnten durch das Forschungsprojekt jedoch zahlreiche neue Erkenntnisse gewonnen werden. Sie betreffen unter anderem den Einsatz von Kriegsgefangenen und die Stellung der Medizinischen Fakultät zu den rassenhygienisch motivierten Sterilisierungen. Es herrscht jetzt Klarheit über die Verbindungen zu anderen Institutionen, zum Beispiel dem Reichsforschungsrat, der Militärärztlichen Akademie und dem Marineobservatorium. Zu verschiedenen Fragen – Kampfstoffforschung, Raumordnung, Wehrphysik – konnte bisher unerforschtes Material eingesehen werden. Der am Projektende im Frühjahr 2015 erreichte Forschungsstand wird nun auf der aktualisierten Website dokumentiert.

Trotz intensiver Recherchen konnten nicht alle Fragen gleichermaßen befriedigend geklärt werden. Es bleiben Lücken, die erst künftige Forschungen schließen werden. Die Ergebnisse des Projektes wurden ein einer Monographie verarbeitet, die alle auf der Website angesprochenen Fragen ausführlich behandelt. Die fachliche Darstellung im Internet wird durch viele Originaldokumente aus diesem Zeitraum ergänzt, die die Nutzer digital aufrufen können. Neu ist ein Personenverzeichnis, in dem Akteure aus der Zeit des Nationalsozialismus vorgestellt werden. Alle Angaben zu diesen Personen sind durch Quellennachweise zu den Akten in verschiedenen Archiven belegt.

Hinweis für Medienvertreter:


Sehr geehrte Damen und Herren, bitte haben Sie Verständnis, dass wir derzeit noch nicht ins Detail gehen können. Die verantwortungsvolle Aufbereitung der umfassenden Materialien für die Öffentlichkeit ist sehr aufwändig. Wir planen für den 15. Oktober 2015 ein Pressegespräch. Zu diesem Termin werden auch Wissenschaftler anwesend sein, die in bislang unzugänglichen Archiven recherchieren konnten. Es ist geplant, auf wesentliche neue Erkenntnisse genauer einzugehen. Wenn Sie nach Durchsicht der Internetseiten spezielle Fragen oder journalistische Wünsche haben, melden Sie sich bitte bis zum 30. September 2015 in der Presse- und Informationsstelle.

Ansprechpartner an der Universität

Presse- und Informationsstelle
Domstraße 11
17489 Greifswald
Telefon 03834 86-1150

Henrik Eberle: „Ein wertvolles Instrument“. Die Universität Greifswald im Nationalsozialismus. Böhlau Verlag 2015, 39,90 €

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Jan Krause (LA Kunst)

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